Bauern-Arbeiter-und Bürgertum im Jahr 1885

Mickey Mouse Revival
18. September 2016
Guernica
„Guernica“ überall
14. Oktober 2016

Rurales und bourgeoises Leben um 1885

Die Industrialisierung in Europa ist in vollem Gange. Die Produktion wird enorm gesteigert und bringt viele Vorteile. Eine Folge dieser rasanten Entwicklung ist einerseits aber auch die unkontrollierter Ausbeutung der armen, ungebildeten Bevölkerung, andererseits der sagenhafte Reichtum für wenige.

Die Kartoffelesser

Dieses fantastische Bild von Van Gogh berührt mich besonders:
Es zeigt die Bescheidenheit, Armut und Einfachheit der Land-oder Arbeiterbevölkerung um 1885.

Diese kleine Gemeinschaft von Menschen sitzt in einem Raum, beinahe so dunkel wie in einem Untertag-Stollen. Ihre Kutten und Röcke sind düster, keine Farbe erhellt ihr Leben. Die Frau rechts (die Mutter?) ist sichtlich erschöpft und geprägt vom harten, anstrengenden Leben der Bauern oder Fabrik-Arbeiter. Die beiden Männer schauen sie besorgt an, einer streckt ihr seine Kachel hin zum Auffüllen, denn sie ist gerade dabei, ein dunkles Gebräu in die Trinkschalen zu verteilen. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um einen Kaffee-Ersatz für arme Leute: Eichel -oder Zichorien Getränk, bestimmt kein Kaffee oder Schwarztee, denn der war unerschwinglich für diese Leute.

Das Essen besteht aus Kartoffeln, sonst scheint da nichts Weiteres vorhanden zu sein.
„Geschwellte“ Kartoffeln essen wir ja bekanntlich gerne mit Butter und/oder Käse, aber hier ist davon nichts zu sehen.
Sie alle sind von der Arbeit gezeichnet. Wie viel Mühsal steckte wohl dahinter, bis diese karge Mahlzeit überhaupt auf den Tisch kam? Wir in unserer westl.- zivilisierten Welt des 21. Jahrhunderts können uns ein solches Leben schlicht nicht mehr vorstellen.

Im 19. Jahrhundert breitete sich die Industrialisierung von England auf das restliche Europa aus. Damit ging ein drastischer Umbruch in der Gesellschaft von statten, der nicht nur Fortschritt sondern auch negative Auswirkungen auf einen grossen Teil der Bevölkerung zur Folge hatte. Parallelen sehen wir bei der fortschreitenden Globalisierung des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Auch da gibt es viele Verlierer neben den Gewinnern.

Während der industriellen Revolution mussten die Arbeiter/innen und auch Kinder bis zu 15 oder mehr Stunden pro Tag in den Fabriken schuften, wo übelste Bedingungen vorherrschten. Zu wenig Licht, staubige Luft, Lärm, wenig und eher ungesunde Nahrung führten zu Krankheiten wie Rachitis, Lungenproblemen und Mangelerscheinungen (Es gab keine Krankenversicherung, keine SUVA, keine Sozialwerke, keine Lohnausfallversicherung, keine AHV oder sonst irgendwelche Unterstützung).

Die Löhne waren so niedrig, dass die Leute kaum davon leben konnten. Aber vor der Industrialisierung war es sowohl auch nicht besser. Immerhin gab es nun Arbeit und Lohn. Die Zustände entsprachen jenen, die wir teils in Ländern der heutigen 3. Welt noch vorfinden.

1885

Das Bild ist so dunkel, dass man denkt, Van Gogh habe an Depression gelitten: alles Schwarz, bis auf ein paar braune und hellbraune Farbflecken, dank denen die Kartoffeln und der Korb überhaupt erst sichtbar werden.

Auch dieses Bild geht einem ans Herzen. Hier sieht man die Vorratshaltung: war das alles, was noch übrig blieb am Ende eines harten Winters? Im Dunkeln gelagerte, kläglich geschrumpfte Kartoffeln, die für die Mehrheit der Bevölkerung damals das Grundnahrungsmittel war.

Es berührt mich besonders, weil gemalte Stillleben anderer Künstler im Gegensatz dazu nicht üppig genug sein konnten: Fasane, Trauben, Speck , Fische, Brote, Käse, Wein etc. , alles in schönen Farben.

Die Kartoffeln spielten ja im 19. Jahrhundert eine grosse Rolle in der europäischen Ernährung. Seit dem sie eingeführt wurden aus Südamerika und im Laufe der Zeit auch in Europa angepflanzt werden konnten, galten sie als Heilsbringer für die ärmliche Bevölkerung, die sich Getreide kaum leisten konnte. Aber gerade diese Euphorie über die Kartoffel führte bei Missernten (Fäulnis durch Nässe, Einfall der Kartoffelkäfer) zu schlimmen Hungersnöten, weil viele Bauern im nördlichen Teil Europas den Fehler begingen, nur noch Kartoffeln anzupflanzen (sie wuchsen schnell, waren billig und nahrhaft).

Ich bin immer wieder dankbar, dass es in allen Zeiten Künstler gab, deren Werke/Gemälden uns den damaligen Zeitgeist vor Augen führen. Dank ihnen erhalten wir eine detaillierte Wiedergabe der Lebensweise und Bedingungen ihrer Epoche. So erhalten wir Einblick in vergangene Welten.

Die beiden folgenden Bilder sind ebenfalls Abbild der damals überall anzutreffenden harten Lebensumstände der armen Bevölkerung:

Miners wives carrying sacks of coal

Weber von vorne gesehen

Van_Gogh_-_Weber_am_Webstuhl_(von_vorn).jpeg

Noch vor der Zeit seiner Karriere als Maler, die 1880 begann, arbeitet van Gogh als Hilfsprediger in einem belgischen Steinkohlerevier. Er identifizierte sich in hohem Maße mit dem Schicksal der Bergarbeiter, die unter besonders harten Bedingungen lebten. Er verschenkte Kleidungsstücke, vernachlässigte sein Äußeres und lebte in ärmlichsten Verhältnissen. Die oben gezeigten Bilder sind wahrscheinlich Erinnerungen an jene Zeit.

Die Veränderung der Landschaft durch wachsende Städte und die überall entstehenden Fabriken, die mit ihren ununterbrochen rauchenden und stinkenden Schloten die Luft verpesteten, sind van Gogh nicht entgangen. Obwohl er sich nicht politisch äusserte, ist bekannt, dass er sich eher als Sozialisten sah, der sich für die Armen einsetzen würde, was nicht erstaunt, da er selbst Zeit seines Lebens sehr arm war. Er verzweifelte fast an der Tatsache, dass seine Gemälde damals keinen Anklang bei Käufern fanden.

Besonders bei den „Kartoffelesser“ sieht man, wie grob er gemalt hat. Mit seiner neuen Art der Pinselführung hatten die Betrachter der damaligen Zeit grosse Mühe.

Bilder zur Industrialisierung

Das Eisenwerk in Den Haag

Diese dunklen Bilder entstanden während seiner Zeit in den Niederlanden. Mit seinem Wegzug nach Paris/Frankreich und der dortigen Begegnung mit den französischen Malern des Impressionismus hellten sich auch seine Bilder auf und erlangten nicht selten eine farbintensive Leuchtkraft.

Bilder zur Industrialisierung

Fabriken in Asnières

Die vielen stinkenden Fabriken waren auch in Frankreich vorzufinden.

Albert Anker und das Leben auf dem Land (Bauerntum und Dorfgemeinschaft)

Zur selben Zeit, als van Gogh in den Niederlanden die düsteren Bilder des Bauern und Arbeiterlebens malte, hielt auch der Schweizer Albert Anker Szenen aus dem Alltag mit seinem Pinsel fest.

Er zeigt uns Menschen und Szenen vom Dorf-Alltag und Bauernhof.

Die Farben sind ebenfalls eher düster gehalten, aber trotzdem sehen wir hier Lieblichkeit. Keines Falls empfinden wir diese Bedrücktheit wie bei van Gogh. Es strömt uns Geborgenheit und Liebe aus den Familien- und Kinder-Darstellungen entgegen.

Als Vergleich zu van Goghs Kartoffelessern könnte man Anker’s Bild „die kleine Kartoffelschälerin“ herbei ziehen, denn da werden auch die Kartoffeln als wichtiger Bestandteil der Ernährung in Szene gesetzt.

Die kleine Kartoffelschälerin, gemalt 1886

Es wird nichts idealisiert und doch empfinde ich Anker’s Bilder als heiterer. Es lastet ihnen nicht diese Schwere an, die wir bei van Gogh’s dunklen Bildern spüren.
Wie fein und detailgetreu Albert Anker diese Szene gemalt hat! Dies gilt als Malerei des „Realismus“.

Ist dieses Bild des Mädchen mit der selbstgemachten Kette aus Hagebutten nicht allerliebst? Ich finde es grossartig, dass Anker uns dieses Detail präsentiert.

Mädchenbildnis

Carl Holsoe (1863-1835) und das Bürgertum

Holsoe wurde nur 10 Jahre später als van Gogh und 32 Jahre später als Anker geboren. Er malte also ungefähr zur gleichen Zeit wie van Gogh (1853-1890) und Anker (1831-1910).

  • Seine Lieblingsmotive waren Interieurs. Mit und ohne Personen.
  • Er arbeitete auch viel mit braunen und weissen Tönen.
  • Bei ihm erhalten wir Einblick in die Wohnräume des gehobene Bürgertums. Hier präsentiert sich uns eine ganz andere
  • Klasse/Volksschicht als bei Van Gogh und Anker.

Bei Holsoe trifft man Klaviere, Gemälde in Goldrahmen, kostbares Geschirr, weisse Tischtücher, feines Mobiliar etc.

Bei Van Gogh’s Szenen der oben gezeigten Bilder leiden die Menschen unter der Last der Arbeit, bei Holsoe haben die vorwiegend weiblichen Personen Zeit für Musse und schöne Beschäftigungen: Frauen und Mädchen stricken, lesen, oder schauen einfach nur aus dem Fenster. Sie sind nie in Gesellschaft. Ob sie an Langweile oder Einsamkeit leiden, ist nicht ersichtlich. Es herrscht eine unglaubliche Intimität und Stille vor, aber es ist nicht voyeuristisch.

Im Speisezimmer
Handarbeitendes Mädchen

Bei Holsoe’s Bildern spürt man die Ruhe im Raum, aber auch wie konzentriert und hingebungsvoll die Personen ihre Beschäftigung ausübt.

So unterschiedlich die Maltechnik und Darstellungen auch sind, mir gefallen alle 3 Maler sehr gut.

Schreiben Sie einen Kommentar

//]]>